Kulturelles Erbe im Salzkammergut
Mit dem Begriff Inslit [Inßlit, Inschlit] bin ich erstmals in den späten 1990er Jahren konfrontiert worden, als ich in Hallstatt mit den Umbauarbeiten an unserem Haus begann und mir mein Schwiegervater ein etwa Handteller großes, weißes, hartes Stück Fett gab Mit dem Hinweis, dieses Inslit könnte ich brauchen, um etwa Schrauben, bevor ich sie ins Holz hineindrehe, einzufetten, um sie später wieder leichter herauszubringen. Und der eigentümliche Geruch hat mich damals schon neugierig gemacht, was denn dieses Inslit sei. Und mein Schwiegervater hat mich dann aufgeklärt, dass das Fett von Rindern ist. In meiner Auseinandersetzung mit dem zweiten Reformationslibell, wo ich ja jetzt schon in dieser Reihe Welterbe Hallstatt schon einige Episoden dieses Podcasts gestaltet habe, bin ich auch im zweiten Reformationslibell von 1563 auf eine große Überschrift, eine ganze Seite, auch mit dem Titel Inslit gestoßen.
Und da wird aufgelistet vom Hofschreiber abwärts, also sie werden hier als Offiziere bezeichnet, dass da jeder wöchentlich ein Pfund Inslit bekommt. Und dann die ganze Arbeiterschaft, die Eisenheuer, die Knechte, wer wie viel von diesem Inslit bekommt. Da habe ich jetzt einfach nachrecherchiert, bin näher in die Tiefe gegangen, was die Bedeutung dieses Inslit für den Salzbergbau ist, dass er schon weiß. Im 16. Jahrhundert dieser Begriff Eingang in das Reformationslibell fand. Vom Sprachlichen her habe ich das Grimm'sche Wörterbuch konsultiert und hier wird Inslit auch Unschlitt genannt.
Sprachlich kommt dieses Wort vom Ungeschlachten, also das "Geschlacht" oder das "Geschlächt" mit der Umlaut A geschrieben. Das ist das, was nach der Schlachtung eines Tieres übrig bleibt, also das geschlachtete Tier. Und da gibt es die guten Teile und da gibt es die schlechten Teile, dieses Ungeschlachte. Und man bezeichnet ja auch als Adjektiv, wenn irgendetwas ungeschlacht ist, als minderwertig. Und dieses Inslit ist eben auch eine Sprachform, die sich von diesem Ungeschlachten gebildet hat. Dabei handelt es sich um minderwertige Fette, vor allen Dingen ein Nierenfett, Fett in den Gedärmen, das für den menschlichen Verzehr nicht gut geeignet ist, nicht gut schmeckt. Und das wird eigentlich schon von Alters her für technische Zwecke verwendet. Da fällt mir ein, es gibt in der griechischen Antike einen Mythos, da müsste ich aber noch genau nachsehen welchen, wo eben den Göttern statt des guten Fleisches das minderwertige Fett, das Ungeschlachte, das Inslit geopfert wurde, was die Götter dann entsprechend erzürnt hat. Also auch hier eigentlich schon dieser sehr frühe Hinweis darauf.
Dieses Inslit, dieses Fett wurde dann weiter behandelt, indem man es ausgelassen hat.
Fette, sowohl pflanzliche als auch tierische Fette, enthalten ja - wir kennen es bei der Butter zum Beispiel - einen gewissen Wasseranteil und man kann diese Fette sanft erhitzen. So etwa den Bereich von etwas mehr als 100 Grad Celsius, sodass man den Siedepunkt erreicht und dann dieser Wasseranteil des Fetts ausdampft und das reine, harte Fett übrig bleibt. Und so wird eben auch dieses minderwertige Fett behandelt, um dann dieses Inslit, dieses Unschlitt zu erzeugen. Es gibt dann auch Synonyme wie etwa Talg oder Schmalz, aber zum Beispiel Schmalz steht dann für die Fette von Tieren wie dem Schwein, aber auch von Geflügel wie von Gänsen und Unschlitt, Inslit, das wird im Regelfall eigentlich nur für das Fett von den Rindern verwendet. Eine der Verwendungsmöglichkeiten des Unschlitts, und das begann aber erst in der Neuzeit, das ist als Grundstoff für Seife, für das Seifensieden. Das war im Mittelalter noch nicht der Fall. Der Hauptverwendungszweck dieses Unschlitts war als Brennstoff, einerseits für Öllampen, aber andererseits auch für Kerzen. wenn wir an historische Kerzen denken, so - ich glaube, da denken die meisten an Bienenwachskerzen, aber dieses Bienenwachs war ja über die Jahrhunderte- und es ist immer noch ein sehr wertvoller Rohstoff. Und Bienenwachskerzen standen nur der absoluten Oberschicht zur Verfügung und wurden im kirchlichen Bereich eingesetzt. Das ist natürlich auch der Wohlgeruch. Bienenwachs verbrennt wohlriechend, während das Verbrennen des Unschlitts natürlich auch einen unangenehmen Geruch verbreitet. Daher war Unschlitt das Massenbeleuchtungsmittel, aber immer noch höher stehend als die Kienspäne. Und im Bergbau in Hallstatt wurden eben Unschlittleuchten und Unschlittkerzen eingesetzt. Eine schöne Quelle dazu ist das Bergbuch Ritzingers von 1713, Wo die Vignetten auf dem Titelblatt Arbeiter zeigen. Da ist sehr schön zu sehen, wenn die Bergleute in Bewegung sind oder wenn vermessen wird, dann halten sie die Öllampen in den Händen und eigentlich durchgehend in der linken Hand. Und diese Öllampen, die sind in ihrer Form, sie erinnern sehr stark an diese römischen Öllampen, an diese keramischen, tönernen Öllampen, ein Massenprodukt der Römerzeit, von denen ja aus archäologischen Ausgrabungen abertausende solcher Öllampen erhalten geblieben sind. Das sind relativ schmale, Tassenartige, aber längliche Gefäße, die vorne in einen Schnabel auslaufen. Und in diesem Schnabel ist dann der Docht befestigt. Dieser Docht, der war entweder aus Tiersehnen, eben auch wieder eine Weiterverarbeitung des Ungeschlachten, aber auch Pflanzenfasern, aus denen dieser Docht gedreht wurde. Und durch das Brennen der Flamme wurde das feste, harte Unschlitt, wurde weich und stieg dann im Docht auf, wurde aufgesogen und so strömte ständig frischer Brennstoff nach.
Und diese Lampen, die da Ritzinger 1713 darstellt, das sieht man auch in der Lampe, im Lampenkörper, so gelbliche Brocken, was eben dieses Unschlitt darstellt und vorn die Flamme. Man sieht aber auch bei der Darstellung eines Eisenhäuers, der mit dem Eisen im Gebirge arbeitet, der hat eine Unschlittkerze. Da ist die Kerze in einem Kerzenhalter und ist an der Ulme der Grube befestigt. Es gibt auch die Darstellungen in den Manipulationsbeschreibungen, da gibt es ja die Episoden über "Letten und Laim" - Lehm im Bergbau und auch bei diesen Darstellungen sieht man sehr schön Kerzen, die in Kerzenhaltern die Arbeit natürlich eher mäßig erhellen. Die ersten Kerzen, die aus Unschlitt gefertigt werden, sind in der Literatur etwa bis ins 9. nachchristliche Jahrhundert nachverfolgt. Also da treten diese ersten Talg, sie werden manchmal auch als Talgkerzen bezeichnet, auf. Und das waren die Standardkerzen für den Massenverbrauch bis ins 19. Jahrhundert hinein. Und ins 19. Jahrhundert wird dann Unschlitt als Brennstoff abgelöst durch Paraffin, ein Erdölprodukt oder Stearin, was bei der Verarbeitung von Tierknochen ausgepresst wird. Also das sind dann die Leuchtstoffe. Und im Bergbau kommt dann die ganz große Revolution, die Ablöse um 1900, wo dann mit den Karbidlampen, quasi ein Quantensprung in der Helligkeit, in der Beleuchtungsstärke, in der Lichtausbeute erzielt wird, wo es dann auch unter Tage so halbwegs hell wird, dass man zumindest unter guten Lichtbedingungen arbeiten kann. Sehr interessant ist auch dieser Inslit, dieser Unschlittverbrauch in Hallstatt. Und da gibt es sehr gute Aufzeichnungen, weil das war ja sehr teuer. Das heißt, dieses Unschlitt, das Salzkammergut gewonnen wurde durch die Schlachtung von Rindern, das war ja viel zu wenig, um diesen hohen Unschlittbedarf im Bergbau zu decken. Das heißt, es wurde letztlich Unschlitt in ganz Oberösterreich im Land, ob der Enns erworben, da gab es zum Teil Ausfuhrverbote, es wurde der Verkauf an Seifensieder beschränkt, um dieses Unschlitt für den natürlich sehr wirtschaftlich einträglichen Bergbau zu reservieren. Teilweise wurde Unschlitt sogar in Wien gekauft, also da gab es eine Arbitrage einfach, einen unterschiedlichen Preis an unterschiedlichen Orten.
Während der Zentner im Salzkammergut teilweise 15 Gulden kostete, war der Zentner Unschlitt in Wien, um 10 Gulden zu haben. Und da lohnt es sich, im Gegenzug die leeren Salzzillen zum Teil eben auch nicht nur mit Getreide, was die Hauptlast im Gegenzug war, sondern eben auch mit diesem Unschlitt zu beladen und teilweise wirklich von Wien her das Unschlitt ins Salzkammergut zu bringen. Der Verbrauch stieg ganz massiv, es gibt sehr gute Zahlen. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden in Hallstatt jährlich etwa 55 Zentner dieses Unschlitts verbraucht, am Ende des Jahrhunderts waren es schon 275, also eine gewaltige Steigerung und das erklärt sich aber nicht daraus, dass es im Bergwerk heller geworden wäre oder deutlich heller geworden wäre, sondern dieser Unschlittbezug, das war ein Naturallohnbezug, der ersetzte die notwendig gewordenen Lohnsteigerungen, die aber nicht ausbezahlt wurden. Jetzt waren die Arbeiter natürlich bestrebt, irgendwo Teuerungsausgleich zu finden und das wurde einfach durch viel, viel stärkeren Unschlittbezug erreicht, dass man viel mehr von diesem Material bezog, als man eigentlich brauchte und das dann weiter handelte. Also es gibt Quellen, dass zum Beispiel Hallstädter Unschlitt in Aussee verkauft wurde, also eine eigentümliche Wirtschaftsweise. Einerseits versuchte man zu sparen, indem man die Löhne der Arbeiter nicht erhöhte. Andererseits suchten die auch wieder nach Mitteln und Wegen, um zu Einkünften zu gelangen. Und da wurde dann mit sehr großem Aufwand das Unschlitt von Wien in Salzkammer gut importiert und dann wurde es von Hallstatt nach Aussee weiterverkauft.
Es fand natürlich aber dann auch generell Einsatz als Beleuchtungsmittel im Haushalt, wo eigentlich noch lange Kienspäne im Einsatz waren und auch das offene Feuer. In Hallstatt gab es ja lang den Ofentyp des sogenannten Guckofens, also ein Kachelofen, wo aber keine Ofentür war, sondern eine mehr oder weniger an einer Seite offene Feuerstelle, dass man dieses Licht, das aus dem Ofen kam, auch als Raumbeleuchtung nutzte und zum Beispiel auch die Darstellung des Pfannhauses, dass ich in diesem Podcast auch schon öfter thematisiert habe. Da ist zum Beispiel im Pfannhaus ein großer gemauerter Herd, an dem ein Leuchtfeuer brennt, also wo wirklich ein Holzfeuer zur Erleuchtung des Pfannenhauses verwendet wurde, um eben auch hier das teure Unschlitt zu sparen und zum Beispiel wird auch in den Quellen darauf hingewiesen, dass es eigentlich üblich war, wenn die Arbeiter zur Nachtzeit oder in Dunkelheit auf den Salzberg hinauf gingen oder zum Salzberg hinauf gingen, dass da ursprünglich lange auch noch bis ins 18. Jahrhundert hinein als Geleucht die sogenannten Bucheln, also Kienspan- oder Buchenspanbündel verwendet wurden und dass die dann aus Bequemlichkeit auch mit diesen Unschlittlampen ersetzt wurden. Also auch hier wieder, und das ist eine Erkenntnis, die eigentlich bei fast jedem Detail, wenn man da in die geschichtliche, in die wirtschaftsgeschichtliche Entwicklung hineinsieht, es war in der Vergangenheit oft sehr, sehr ähnlich, wie es heute ist. Jeder hat sich nach der Decke gestreckt, jeder hat versucht, irgendwie zu seinem Einkommen zu gelangen und sobald irgendetwas als Naturalleistung staatlicherseits zur Verfügung gestellt wurde, sobald das verfügbar war, wurde natürlich nach Mitteln und Wegen gesucht das über Gebühr zu beanspruchen, zum Teil auch zu missbrauchen. Ende 18. Jahrhundert war man dann soweit, da gab es zwar auch noch dieses Unschlitt, aber es wurde nicht mehr als Naturalie ausgegeben, sondern die Arbeiter bekamen etwas mehr Lohn, ein entsprechendes Geld für ihre Beleuchtung und konnten sich dann zu einem festgesetzten Preis nun das Unschlitt kaufen, das sie brauchen und damit, wie durch ein Wunder, sank dann der Verbrauch wieder entsprechend ab.