Kulturelles Erbe im Salzkammergut
Über die Karte von Premblechner, die in den 1730er Jahren entstanden ist und einen detaillierten Einblick in den baulichen Zustand von Hallstatt in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erlaubt, habe ich schon einige Episoden dieses Podcasts gestaltet. Wenn Sie diese Episoden noch nicht gehört haben, stelle ich in die Shownotes dieser Episode entsprechende Links, damit Sie auf diese vorangegangenen Episoden zugreifen können. Heute möchte ich über die Darstellungstechnik dieser Karte sprechen, also darüber, wie dieses dreidimensionale Gebilde Hallstatt in einem zweidimensionalen Plan dargestellt wurde. Diese Aufgabe ist nicht trivial, ein dreidimensionales Objekt auf eine zweidimensionale Bildebene zu bringen. Da gibt es ja verschiedene Verfahren. Das wohl bekannteste ist die sogenannte Perspektive. Die Perspektive ist ein Verfahren, die zweidimensionale Bilder erzeugt, so wie wir es mit unseren menschlichen Augen sehen. Das heißt, Objekte, die weiter von uns entfernt sind, erscheinen kleine. Objekte, die näher bei uns sind, erscheinen größer. Linien, die in Wirklichkeit parallel sind, wie zum Beispiel Eisenbahnschienen, laufen in der Perspektive scheinbar auf einen Fluchtpunkt, auf einen sogenannten Fernpunkt zusammen. Premblechner wählt aber hier eine völlig andere Darstellungstechnik. Vielleicht auch noch hier dazu gesagt, Hallstatt überhaupt einmal dreidimensional zu erfassen, stellt eine besondere messtechnische Herausforderung dar. Und erst aktuell, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, mit Hilfe von GPS-Datenerfassung, mit Hilfe von Laserscanning, sind wir in der Lage, relativ unaufwendig ein dreidimensionales Modell von Hallstatt herzustellen. Also es geht darum, Schritt 1 ist einmal überhaupt die räumliche Situation in einem Modell zu erfassen. Da gibt es bewährte Modelle wie etwa das kartesische Koordinatensystem mit einem Ursprungspunkt, dann mit einer Z-Achse, auf der die Höhen abgetragen werden, also wie hoch ein Punkt über zum Beispiel dem Seespiegel liegt und dann eben einer X- und Y-Achse, wo diese Punkte noch in einer Ebene einsortiert werden. Und wenn man diesen Datensatz, diese Vielzahl an dreidimensional erfassten Punkten hat, kann man eben aus diesem dreidimensionalen Modell ein zweidimensionales Abbild schaffen. Und das ist bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts Erfolg. Da denke ich, ist sehr spannend die Auseinandersetzung mit der sogenannten Tagrevierkarte Ritzingers. Johann Baptist Ritzinger oder auch Hans Ritzinger, wie er sich genannt hat, war Bergmeister in Hallstatt. Er war sehr rührig, von ihm sind sehr viele interessante Dokumente erhalten. Eines, das wird sicher auch eine eigene Episode verdienen, ist das sogenannte Bergbuch, welches ich vor, ja nun sind es auch schon wieder, mehr als zwei Jahrzehnte in der Bibliothek des Finanzministeriums in Wien wiederentdeckt habe und für die heutige Episode sehr spannend die sogenannte Tagrevierkarte. Die Bergleute in Hallstatt entwickelten schon sehr früh und da reichen die Wurzeln wirklich zum Beginn des Bergbaus zurück ein sehr genaues System, wie sie eben genau dieses System des Bergwerks, diese Stollen, diese Schächte, diese Laugwerke dreidimensional erfassen konnten. Das war überlebenswichtig. Es ging einfach darum, die Laugwerke so anzuordnen, dass sie nicht zusammenschnitten. Also wenn Laugwerke zu nahe beieinander lagen, konnte es passieren, dass zwei Laugwerke zu einem Laugwerk zusammenschnitten und dann das Laugwerk so groß wurde, dass dann der Werkshimmel einstürzte, dass das Laugwerk niederging und zu diesem Zweck wurde schon sehr früh eine entsprechende Vermessungstechnik entwickelt. Es gibt durchaus die berechtigten Ansätze, dass hier in Hallstatt, auch wenn die schriftlichen Aufzeichnungen aus der Völkerwanderungszeit, aus dem frühen Mittelalter fehlen, dass es hier eine Tradition aus der römischen Zeit gab. Es lässt sich insofern gut abschätzen. Es gibt ja ein altes Längenmaß im Bergbau, das sogenannte Stabel etwa von der Größenordnung von 120 cm und dieses Stabel ist in vier Fuß geteilt. Und dieses Viertel des Stabels, also der Größenordnung ziemlich genau 30 cm, das entspricht sehr exakt dem römischen Pes Imperialis, also dem römischen Fuß. Und das ist sicher ein Indiz, dass aus der Römerzeit, und die Römer hatten ja mit den Agrimensoren eine hochentwickelte Vermessungstechnik, dass die hier weiter tradiert wurde und dass man zu Beginn der Neuzeit in Hallstatt über die Methoden und Möglichkeiten verfügte, als man 1305 und 1311 dann mit der Marktgründung den Bergbau wieder so richtig in Schwung brachte, dass auch hier die entsprechenden vermessungskundigen Bergleute arbeiteten.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hat dann dieser Hans Rietzinger mit seinem Können, mit seinem Wissen nicht nur das Bergwerk vermessen, sondern wie er selbst auf dieser Tagrevierkarte schreibt, ich lese das jetzt vor, weil ich finde das einfach sehr schön:
„Disse Gegenwerdige Neü verferttigte vnd Erfündene SaItzberger Mappen,“ also das ist der Plan des Bergwerks, „Sambt der Darauf- vnd Neben anligenden Tags Refier wie Nicht weniger den Marckht Haalstatt, die Lähn vnd ain orth von dem See, Ist durch Mich Hannssen Rietzinger Kays:Bergmaistern Sambt Meinen Zway leiblichen Söhnen Leopolden vnd Hannssen - Nach vill - vnd Langwieriger Schinnung mit grosser Mich vnd arbeith auch auf mein aigenen Vncossten in dissem 1713ten Jahr. Verferttiget worden.“
Und da ist das eine Wort, die Schinung. Die Verschinung ist im Bergbau der Begriff für die Vermessung. Und gerade in dem vorgenannten Bergbuch Rietzinger sind tausende solcher Schinzüge notiert. Das sind eben genau solche Datensätze, wo eine Länge, eine Richtung und auch eine Höhendifferenz angeführt werden. Also das ist nicht wie das vorgenannte kartesische Koordinatensystem mit einer x, y und z-Achse. Das ist ein polares Koordinatensystem, wo von einem Ursprung dann zwei Raumrichtungen, also Himmelsrichtung und Höhe angegeben werden. Und wenn man diese Datensätze zur Verfügung hat, dann kann man daraus ein Abbild erstellen. Also das Erste war, Ritzinger hat mit seinen Söhnen den Markthallstadt extrem genau vermessen. Und das ist ja insofern sehr schwierig. Sie kennen das Ortszentrum von Hallstatt, den Markt, die gegründeten Gassen, die großen Höhenunterschiede. Es fehlt die Möglichkeit, große, auf längere Strecken Kontrollmaße zu nehmen. Und Rietzinger hat das geschafft in seiner Tagrevierkarte. Er zeichnet, wie er auch schreibt, auch die Lahn und den Markt und einen Teil, ein Ort des Sees und das ist in einer Grundrissdarstellung. Also er hat dann diese Messdaten, diesen dreidimensionalen Datensatz auf eine Ebene, auf eine Grundebene projiziert.
Ich habe mir die Mühe gemacht, jetzt diese Karte Rietzingers oder ein Bild dieser Karte Rietzingers digital auf die aktuelle Vermessungskarte, auf die sogenannte digitale Katastralmappe im richtigen Maßstab zu legen. Und es ist wirklich erstaunlich, wie präzis die heute mit modernsten Vermessungsmethoden gemessene Uferlinie des Sees mit dem Messergebnis Ritzingers übereinstimmt. Es gibt Abweichungen zum Beispiel im Bereich der Waldbachmündung, aber da ist es einfach so, dass Material, das Ritzinger darstellt, dass die Mündung etwas weiter in den See abgerutscht ist. Also vermessungstechnisch waren die wirklich auf absoluter Höhe, auf der Höhe ihrer Zeit. Und diese Tagrevierkarte Rietzingers ist im Maßstab 1 zu 2400 gezeichnet. Das heißt, dieses 1 zu 2400 kommt wieder aus diesem System, dass eben dieses schon genannte Bergstabel in vier Werkschuhe geteilt war, also in vier Fuß. Und dieser Fuß wiederum in 12 Zoll, sodass der Maßstab in der Tagrevierkarte so ist, dass ein Zoll auf der Karte 50 Stapel in der Wirklichkeit ist. Wie ich erstmals eine Fotografie der Premblechnerkarte zu untersuchen bekam, ist mir sofort die Ähnlichkeit der Uferlinie, und auch der Grundrissdarstellung der Lahn ins Auge gestochen.
Und ich habe dann wiederum versucht, am Bildschirm die Karte Premblechners und die Karte Ritzingers übereinander zu legen. Und da ist mir dann doch etwas sehr Interessantes aufgefallen, dass einerseits der Maßstab der Premblechnerkarte einfach 2 zu 1 ist. Das heißt, die ist einfach doppelt so groß. Bei Premblechner sind dann 1 Zoll auf der Karte nicht 50 Stabel, sondern nur 25 Stabel. Das heißt, die Karte ist im Maßstab 1 zu 1200, also eigentlich nur eine Vergrößerung, eine Verdoppelung der Ritzinger Karte. Und, was auch sehr interessant ist, sie ist leicht, etwa 30 Grad verdreht, aber nicht. Die linke untere Ecke des Planausschnitts von Premblechner passt genau auf den unteren Blattrand der Rietzinger Karte und die rechte untere Ecke des Planausschnitts der Premblechner Karte passt genau auf den rechten Bildrand der Rietzinger Karte. Das heißt also, offenkundig stand Premblechner die Rietzingerische Vermessung, die ungefähr 20 Jahre vor seiner Arbeit durchgeführt wurde. Zur Verfügung und er hat auf dieser Grundlage gearbeitet.
Ich habe dann wirklich so in zwei Schichten die Karten über Lande gelegt, in Photoshop, wo man dann einmal die eine und das andere mal die andere heller beziehungsweise dunkler stellen konnte. Und da gibt es sehr, sehr viele Übereinstimmungen. Also diese ganzen Indizien sprechen, denke ich, sehr eindeutig dafür, für das Premblechner auf Basis der Rietzingerischen Tagrevierkarte gearbeitet hat. Jetzt ist aber, die Problematik ist ja keine reine Grundriss dargestellt. Also zum Beispiel das Echertal, das See, die sind im Grundriss dargestellt, aber der Hallberg, Die sind im Aufriss dargestellt. Das heißt, es sind zwei Bilder, einmal die Sicht von oben und einmal die Sicht von vorne in einem Land. Und dann wird das Ganze noch komplexer. Das ist die Darstellung der Häuser. Die Lahn, die ja zu diesem Zeitpunkt noch kaum bebaut war, da überwiegt die Anmutung einer Grundrissdarstellung. Im Markt hingegen, da wirkt das Ganze tatsächlich dreidimensional.
Premblechner hat sich hier einer Technik bedient, welche in der Fachsprache der Geometrie Axonometrie heißt. Die Axonometrie ist im Gegensatz zur vorher genannten Perspektive ein Abbildungsverfahren, wo die Richtungen, also die Parallelität erhalten bleibt. Es gibt hier eine ganz spezielle Axonometrie, eine sogenannte horizontale Axonometrie, die heißt übrigens auch Militärriss, denn die wurde wirklich im späten 16. und 17. Jahrhundert entwickelt, um aus einem Grundriss ein anschauliches Bild zu entwickeln. Und das wurde erstmals erwähnt in Traktaten, in Schriften über den Festungsbau, wie man eben räumliche Informationen über eine Festung zeichnen konnte und dieser Militärriss diese Technik aus dem Grundriss entsprechend anschaulich dreidimensional anmutende Objekte zu entwickeln, die hat Premblechner sehr, sehr konsequent bei seiner Darstellung Hallstatts angewandt. Und man kann sich sehr gut vorstellen, es stand ihm dieser Grundriss Ritzingers zur Verfügung und er hat dann aus diesem Grundriss jeweils die Kanten der Häuser vertikal nach oben gezogen. Und so zeichnet man ja auch heute noch diese sogenannte horizontale Axonometrie, wobei dann die Höhen in einem bestimmten Verhältnis verkürzt werden. Da gibt es die wissenschaftliche Grundlage, ist der sogenannte Satz von Pohlke. Wilhelm Pohlke war ein Mathematiker-Geometer des 19. Jahrhunderts und der hatte erkannt, dass jedes allgemeine, nicht ausgeartete Ebene-Dreibein das Bild eines räumlich rechtwinklig gleichschenkeligen Dreibeins ist. Und aufgrund dieser Grundlage kann man durch entsprechende Verkürzung der Achsen, aber bei Behaltung der Parallelität sehr anschauliche Bilder entwickeln. Und bei der Ausstellung in der Albertina, wo bis 22. März 2026 die Premblechner Karte im Original zu sehen war. Da war der Premblechner Karte eine nahezu zeitgleich entstandene Darstellung von Paris gegenübergestellt. Das war der sogenannte Plan de Turgot und auch hier bei diesem Stadtplan Paris wurde dieselbe Technik angewandt, die auch Premblechner angewandt wurde. Also auch dieser Plan de Turgot ist eine horizontale Axonometrie, der ein genauso anschauliches Bild von Paris aus den 1730er-Jahren entwickelt. Und da, wie ich das im Original in der Ausstellung, diese beiden Pläne gesehen habe, das war für mich schon ein Augenöffner, einfach zu sehen. Paris, damals Weltstadt. Paris war, glaube ich, damals wirklich gewisserweise kulturell der Mittelpunkt der Welt. Und die Bergleute in Hallstatt waren zur selben Zeit im hintersten Tal genauso in der Lage, diese für die damalige Zeit wirklich fortschrittliche und moderne Darstellungstechnik gekonnt anzuwenden.