Kulturelles Erbe im Salzkammergut
Über die Karte von Premblechner habe ich ja nun schon einige Episoden von Welterbe Hallstatt gestaltet. Es geht um ein Fundstück aus dem Archiv der Grafischen Sammlung Albertina in Wien. Die Karte ist 2025 bei einer Suche für Ausstellungsobjekte für die Ausstellung Faszination Papier aufgetaucht. Das Blatt ist zwischen 1735 und 1739 entstanden. Es ist etwa 160 Zentimeter lang und ungefähr 80 Zentimeter hoch. Es war bis Mitte März 2026 in dieser Sonderausstellung in der Albertina zu sehen. Jene Episoden, die ich schon zu diesem Thema gestaltet habe, wenn Sie sich mehr für dieses Thema interessieren, wenn es mir gelingt, sie neugierig zu machen, da stelle ich in die Shownotes dieser Episode Links zu diesen bereits gesendeten Episoden. Und ich stelle Ihnen auch einen Link dazu, dass Sie in die digitale Sammlung der Albertina zugreifen können und sich auch diese Karte anschauen können.
Dieser Plan wurde von Jakob Anton Premblechner mit größter Sorgfalt und Genauigkeit gezeichnet. Und die Genauigkeit, die wird auch dadurch bestätigt, dass ja manche dieser Details an den Gebäuden bis heute erhalten geblieben sind. Und wenn man das mit dem heutigen Zustand vergleicht, kann man erkennen, mit welcher Detailtreue hier Premblechner gearbeitet hat. Und das ist eben für die Dinge, die nicht erhalten geblieben sind, diese faszinierende Geschichtsquelle, die uns einen Einblick in das Hallstatt der 1730er Jahre erlaubt, dass uns eine wirkliche Zeitreise in die Vergangenheit von Hallstatt ermöglicht. Ein Detail, über das ich heute erzählen möchte, das sind die sanitären Verhältnisse. Wir finden tatsächlich auf der Karte einige Indizien für Aborte.
Für Abtritte, für Klosetts, wie man heute sagt. Und zwar, wenn wir uns im Detail zum Mühlbach hin zoomen, da gibt es ja am Mühlbach. Das sogenannte Premblechner nennt es das Badhaus, also das war ein öffentliches Bad. Das ist das Haus gegenüber vom Gasthof Mühle, früher das Seemannhaus, jenes Haus mit dem Graffiti. Da gibt es auch eine Episode des Podcasts über dieses Graffiti. An diesem Haus ist an der Fassade, die zum Mühlbach hin zeigt, ein eindeutiger hölzerner Anbau, ein Erker im ersten Obergeschoss, der über den Mühlbach auskragt, noch mit zwei hölzernen Stützen abgestützt ist. Und dieses Holzobjekt ist eindeutig als Abtrittserker, als Abort zu identifizieren. Der Begriff Abtritt kommt ja, man kennt es vielleicht vom Theater, da gibt es, wenn die Schauspieler auf die Bühne gehen, den Auftritt und wenn sie die Bühne wieder verlassen, den Abtritt. Und für das Aufs-Klo-Gehen wurden ja sprachlich immer wieder Euphemismen, Umschreibungen gebraucht und damals war es eben bis weit ins 19. Jahrhundert üblich, dass man sagte, ich muss abtreten und der Ort, wo man dann hingegangen ist, das war der Abtritt. Und Erker ist immer ein Baukörper, der vom Gebäude auskragt. Nicht mit dem Erdboden verbunden ist, wie auch hier in diesem Fall beim Badhaus, dass dieser Abtritt vom Gebäude ersten Obergeschoss aus begehbar war. Wenn man jetzt dem Lauf des Mühlbachs weiter folgt, dann sehen wir auf zumindest der Seite, die auf der Karte sichtbar ist, also das ist das orographisch linke Ufer des Mühlbachs. Die Orographie ist ja die Beschreibung des Geländes, auch der Flüsse und orographisch links ist in Flussrichtung des Mühlbachs, da finden sich auch noch an anderen Häusern, zum Beispiel bei dem Haus, wo die bedeckte Stiege beim Mühlbach beginnt, beim sogenannten Mühlbach-Gassel, dort das sogenannte Höplingerhaus und auch dort ist wieder in dem Fall ein ebenerdiger Abtritt, also das ist kein Erker, sondern das ist wirklich eine kleine Holzhütte, welche direkt über den Mühlbach gezimmert ist. Also dort, wo fließendes Wasser vorhanden ist, dort nutzt man das und ich kann mich persönlich erinnern, in den späten 1980er Jahren, als ich noch Schüler der Fachschule in Hallstatt war, da wohnte ich den Sommer über in der Waldbachsäge neben dem Waldbach und dort gab es damals auch noch einen quasi funktionierenden Abtrittserker, der über dem Waldbach errichtet war. Also man ging ja auch aus der Radkammer in diesen Erker und dieser Körper, dieser Erker ist auch heute noch, wenn Sie genau schauen, an der Radkammer über der Waldbachsäge. Aber jetzt hat natürlich nicht mehr diese Funktion als Abtritt. Die Technologie war ja sehr einfach. Es war eine Sitzfläche mit einem kreisrund ausgeschnittenen Lochdurchmesser, ungefähr 30 Zentimeter. Und da saß man eben drauf und die Fäkalien fielen dann direkt ins Wasser und wurden auch vom Wasser abtransportiert.
Es finden sich auch noch an anderen Gebäuden solche Strukturen sehr interessant, finde ich, beim sogenannten Gegenschreiberhaus. Der Gegenschreiber, das war ja der zweithöchste Beamte in Hallstatt, das war der Kontrollbeamte des Hofschreibers. Und dieses Gegenschreiberhaus, das stand etwa dort, wo heute das Sportgeschäft Janus steht, also war Teil dieses Hofkomplexes. Und auch bei diesem Gegenschreiberhaus gibt es einen Anbau, einen sogenannten Risaliten, ein Risalit. Das ist ein Baukörper, der im Gegensatz zum Erker wirklich vom Boden weg die ganze Gebäudehöhe entlang vom Gebäude vorgebaut ist. Und dieser Risalit beim Gegenschreiberhaus, der mündet letztlich auch in eine buchtartige Zufuhr. Und da kann ich mir auch sehr gut vorstellen, dass in diesem Risalit, in diesem Baukörper, der allerdings gemauert ist, dass auch hier Abtritte untergebracht waren. Man kann auch noch weiter, wenn man dann sehr genau schaut, entlang des Sees finden sich bei zwei Häusern, das ist einerseits das Objekt, wo heute die Schirmbau ist, beziehungsweise das Haus, wo der Installateur Pilz ist, da gab es ja noch keine Seestraße. Das heißt, diese Häuser grenzten mit einem Garten und mit einer Wiese direkt an den See und auch hier gehen wieder hölzene Bauten vom ersten Obergeschoss weg. Richtung See sind wieder aufgeständert und ich identifiziere auch diese Baukörper wieder als solche Abtritte. Ein sehr schönes Beispiel findet man auch im Tremischen, heutige Gosau-Mühlstraße 69. Das ist zwischen dem Haus Zimmermann und dem Haus Zian. Dort ging ein solcher Baukörper über die Gosau-Mühlstraße, also im ersten Obergeschoss. Man ging unter diesem Baukörper durch und der hatte auch eine verbreiterte Absturzvorrichtung, wo es dann über die sogenannte Garhöhen wirklich senkrecht in den See hinunterging und auch dieser Baukörper ist eindeutig als ein solcher Abtritt zu identifizieren. Ich finde das auch insofern sehr spannend, weil das auch mit anderen Quellen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts korreliert.
Es gibt vom Amtsbaumeister Johann Georg Panzenberger sind im Wiener Hofkammerarchiv einige Pläne erhalten geblieben, wo solche Abtritte eingezeichnet sind. Einer zeigt das Berghaus beim Theresiaberg und hier aufpassen, das ist nicht der Maria Theresiaberg, sondern dieser Berg ist nach der Margarita Theresia benannt. Das war die Frau des Habsburger Kaisers Leopold I. Ersten und ist vielleicht hier als Sidestep sehr interessant. Diese Margarita Teresa war eine spanische Habsburgerin und die wurde seit ihrer Kindheit sehr häufig von spanischen Hofmalern gemalt. Von dieser Margarita Teresa gibt es zum Beispiel von Velazquez eine ganze Serie von Porträts und die wurden dazu angefertigt, um sie ihrem Künftigen Bräutigam, eben dem Kaiser Leopold, vorzustellen. Die wurden nach Wien geschickt, hängen darum heute auch im Kunsthistorischen Museum, dass er sah, wie sich quasi seine Braut entwickelte. Das Bekannte daran ist vielleicht, sie war gleichzeitig seine Nichte, also die Tochter seiner Schwester und auch gleichzeitig seine Cousine durch diese eigentümlichen habsburgischen Verwandtschaftsheiraten. Und diese Kaiserin Theresia, die kam mit 15 Jahren dann nach Wien, fand die Hochzeit statt, sie gebar fünf Kinder, glaube ich, und von dem hat nur eines überlebt und sie ist dann sehr jung, mit 22 Jahren gestorben. Und nach dieser Margareta Teresa ist eben dieser Bergbauhorizont benannt und von diesem Bergbauhorizont gibt es einen Plan aus den 1760er Jahren von Panzenberger und da sind Aborte eingezeichnet, allerdings Panzenberger nennt die Privet und dieses Privet leitet sich ab von dem mittellateinischen Privata Kamera, also privater Raum, also auch hier wieder der Euphemismus, sehr spannend, auch bei diesem Detail, bei diesem Privet.
Beim Berghaus, das war das Unterschaffer, da gab es eben zwei Geschosse, da gab es einerseits die Wohnung des Unterschaffers, der Unterschaffer war quasi der stellvertretende Produktionsleiter des Salzbergwerks und es gab eine Knechtwohnung in der Die Wohneinheit, das Unterschaffers, da war das privat quasi ein Einsitz. Also so wie ich es vorher beschrieben habe beim Waldbach, es ist diese kleine Kammer, wo man eben alleine auf diesem Brett mit dem großen Loch sitzt. Im Stock darunter, dort wo die Knechte waren, da war das ein Dreisitz. Also da saßen dann drei Knechte nebeneinander und das erinnert ganz stark an diese klassisch-römischen Latrinen, die ja im heutigen Rom erhalten sind, aus dem antiken Rom, aus der Kaiserzeit. Auch dort waren diese Latrinen zum Nebeneinandersitzen ohne entsprechende Trennwände hergestellt. Und vielleicht auch noch das Detail beim Kaiserin Theresiaberg, auch dort fließt wieder ein Wasser. Also man war damals schon so klug und so geschickt, dass man natürlich auch dafür sorgte, dass die Fäkalien abtransportiert werden. Aber das war noch nicht Standard.
Also da sind wir in einer Zeit des Umbruchs. Also hier tauchen in der Mitte des 18. Jahrhunderts erstmals in den Plänen diese Privet. Es gibt auch noch einen weiteren Plan von Panzenberger, einen Entwurf für das Salinenspital, der stammt aus den 1770er Jahren. Das Salinenspital ist ja der Baukörper, wo jetzt die Salinenverwaltung untergebracht wird. Und auch dort gibt es im Bauplan schon gemauerte Aborte, die bezeichnet hier dann Panzenberger als „Secreter“, also was man vielleicht übersetzen könnte als geheimes Gemach, also auch hier wieder dieser Euphemismus. Allerdings beim Amtshaus, das ja 1750 nach dem Brand des Marktes in der Lahn neu errichtet wurde, da achtete man wohl in erster Linie auf die repräsentative Architektur und weniger auf ein funktionierendes Sanitärsystem. Da gibt es eine dokumentierte Visitation des Hofrats Gigant, der visitiert vom Gmundner Salzamtmann 1769 das Amtshaus und bemerkt, dass beim Bau dieses repräsentativen Gebäudes offenkundig auf die Aborte vergessen wurde. Und es wurde in jedem Geschoss quasi eine Amtsstube nicht als solche genutzt, sondern eben zum Zwecke der Defäkation. Da stand dann ein Kübel, der von Zeit zu Zeit entleert wurde und in dem Visitationsbericht heißt sie wörtlich, was im Sommer gar übel roch. Es dauerte Jahre bis dann 1807 an das Amtshaus Echenthal-seitig dieser Abortanbau angefügt wurde.
Der ja jetzt wieder im Zuge der Umbauarbeiten wieder abgebrochen wurde, der ja nicht mehr vorhanden ist. Und da stellt sich für mich eine sehr schöne Brücke dar zum alten Gegenschreiberhaus, das ja auch eines dieser wichtigen Amtsgebäude im Markt vor dem Brand war. Und dieser Anbau, dieser Risalit an das Gegenschreiberhaus mit den Aborten könnte durchaus dann der Idee für den 50 Jahre später errichteten Anbau an das Amtshaus gewesen sein.