Kulturelles Erbe im Salzkammergut
In Hallstatt gibt es einen schönen Bestand an Gewölben, die in den unterschiedlichsten Zeiten entstanden sind. Die Gewölbe sind ja eine sehr solide Baukonstruktion und widerstehen deshalb den Lauf der Zeit sehr gut. Das heißt, die verschiedensten Einwirkungen, sogar jene des großen Marktbrandes, haben Gewölbe im Ortszentrum überstanden, sind erhalten geblieben. Es ist oft im Erdgeschoss der Gebäude das Gewölbe erhalten geblieben. Darüberliegendes wurde beim Brand 1750 zerstört und die Gewölbe weisen weiter in der Zeit zurück.
Es gibt dazu keine archäologischen Befunde, aber ich bin eigentlich davon überzeugt, dass in Hallstatt sich die Gewölbetechnik bereits in der Römerzeit etabliert hat. Es gibt ja diese Villensiedlung, die sich im Bereich der Ausfahrt des heutigen Straßentunnels Richtung Lahn, also beim Südportal des Straßentunnels befunden hat, also zahlreiche archäologische Ausgrabungen gegeben. Von diesen römischen Villen sind natürlich nur noch die Fundamente erhalten geblieben, aber ich bin davon überzeugt, dass die Römer einerseits die Kalktechnik nach Hallstatt gebracht haben, dass sie andererseits die Gewölbetechnik nach Hallstatt gebracht haben. Das älteste Gewölbe, das ich in Hallstatt kenne, ist das Gewölbe des Beinhauses. Es ist von seiner Gewölbeform her ein sogenanntes Tonnengewölbe. Als Tonnengewölbe wird eine Gewölbeform in Gestalt eines Kreiszylinders beschrieben. Im Regelfall ist es ein Halbkreis und dieses Tonnengewölbe im Beinhaus erscheint auf den ersten Blick so von seiner Oberfläche her wie ein grob betoniertes Gewölbe aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, weil sich an der Oberfläche noch ganz klar die Schalungsbretter des Gewölbes abzeichnen. Das ist einerseits, man sieht sehr deutlich, die Fuge zwischen den Schalungsbrettern bildet sich dadurch ab, dass Mörtel in diese Fuge eingedrungen ist und hier, an der Haut des Gewölbes, an der Oberfläche, an der Gusshaut, leichte Grate geblieben sind und dass sogar sich teilweise die Holztextur, die Zeichnung der Schalungsbretter an der Gewölbehaut abbildet. Da gibt es natürlich diesen formalen Zusammenhang, weil man in der Mitte des 20. Jahrhunderts für Betonschalungen ja auch grobe Bretter, Pfosten verwendet hat und nicht so wie aktuell glatte Schaltafeln. Also oft sind bei Beton diese Holzabdrücke, diese rauen Holzabdrücke, ein Zeitsignal, das eher an die Anfänge der Betontechnik, erste Hälfte 20. Jahrhunderts und Mitte 20. Jahrhundert, weist. In der Fachbezeichnung heißt dieser Beton Béton brut, also dieser grobe Beton.
Aber jetzt zurück zum Gewölbe im Beinhaus. Es sieht ähnlich aus, weil es in einer ähnlichen Technik entstanden ist. Und beim Beinhaus handelt es sich um ein sogenanntes romanisches Gussgewölbe. Diese Gussgewölbe wurden so hergestellt, dass tatsächlich eine Schalung aus Brettern errichtet wurde. Also quasi eine Negativform, die dann die Gestalt, die Form des Gewölbes bildet. Damals war es natürlich sehr, sehr mühsam, Bretter herzustellen. Also das war nicht so, dass man dann einfach ins Sägewerk fährt und sich Bretter kauft, die mit einer Vollgatter-Säge sehr schnell hergestellt wurden. Nein, die ersten Wassersägen in Hallstatt sind urkundlich erst in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in den 1520er Jahren nachweisbar. Und davor, also in der Zeit Romanik, wir sind hier etwa im 13., 14. Jahrhundert, da wurden die Bretter noch händisch gesägt. Das heißt, da wurde der Baumstamm, das Bloch, entweder auf Schragen aufgelegt oder über eine Sägegrube gerollt. In der Grube stand ein Arbeiter, oben am Bloch stand ein Arbeiter und die führten eine lange Säge, ähnlich wie wir sie als diese Fischbauchsägen kennen, welche noch, zumindest noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts vor der flächendeckenden Einführung der Kettensäge zum Fällen der Bäume verwendet wurde. Sie waren nicht so stark gewölbt wie diese Fischbauchsägen, sondern gerade und da wurde händisch vom Bloch Brett für Brett gesägt. Und aus diesen Brettern oder Pfosten, die Unterscheidung ist ja die Stärke. Wenn etwas dünner als 37,5 mm ist, spricht man von einem Brett. Wenn es stärker ist als 37,5 mm, spricht man von einem Pfosten. Deutschland ist hierfür auch die Bezeichnung Bohle geläufig. Nachdem nun diese Schalung hergestellt und entsprechend abgestützt war, gab es zwei verschiedene Techniken. Die eine Technik war, dass man auf die Schalung Mörtel aufbrachte und dann ein sehr kleines Bruchsteinmaterial in dieses Mörtelbett eingedrückt hat und die Zwischenräume zwischen diesen Steinen ebenfalls mit Kalkmörtel ausgemörtelt hat. Eine andere Variante bestand darin, das Bruchsteinmaterial möglichst dicht auf die Schalung aufzulegen und dann in einem weiteren Arbeitsschritt eine dünne Mörtelmasse, ähnlich so wie wir es bei Betonieren machen, darüber zu gießen. Das lässt sich natürlich dann im Nachhinein relativ schwer feststellen.
Speziell beim Gewölbe des Beinhauses ist es ja diese typische Situation von Hallstatt, dass die Gebäude bis zu einem gewissen Grad subtraktiv und bis zu einem gewissen Grad additiv errichtet werden. Das heißt, es ist letztlich eine Methode, die ich bei meinem Haus auch praktiziert habe, zum Felsen hin Steine abzubauen, Steine zu brechen, um die Räume Richtung Berg zu erweitern und andererseits dieses gewonnene Material möglichst nahe wieder zu vermauern, wieder zu verarbeiten. Und bei diesem Brechen der Steine entsteht ja sehr viel kleines Bruchmaterial. Es entstehen zum Teil sogar Steinsplitter, Hauklein und sehr selten schöne, exakte Steine, aus denen man dann durch spätere steinmetzmäßige Bearbeitung eben exakte Hausteine gewinnen kann. Also bei diesen romanischen Gussgewölben wird letztlich Abfallmaterial verwendet, Material, das man so für hochwertiges Mauerwerk nicht gut verwenden kann, aber in dieser Gusstechnik sehr wohl und das spricht ja für die effiziente Verwertung des Gesamtmaterials, was beim Abbauprozess des Steins zum Bergen angefallen ist. Es ist letztlich eine Restlverwertung.
In dieser Technik steckt meiner Meinung nach schon auch eine römische Tradition. Solche Gussgewölbe wurden auch in der römischen Antike hergestellt. Hier verwendete man aber als Verbindungsmasse, als Matrix, in welche diese Steine eingebettet sind, nicht Kalkmörtel, also Sand und dann Calciumhydroxid, also Prozess: Es wird der Kalkstein, der ja hier in Hallstatt ansteht, gebrannt. Das CO2 aus dem Kalk wird ausgetrieben, also das Calciumcarbonat, das ursprüngliche, wird zum Calciumoxid. Dieses wird dann gelöscht, also es wird Wasser dazugegeben, dann entsteht das Calciumhydroxid. Und das kann entweder sofort nach diesem Löschprozess, also noch im heißen Zustand, weil bei diesem Löschprozess, das ist ein exothermer Vorgang, wo sehr viel Wärme frei wird, kann der Kalk bereits im heißen Zustand verwendet werden und damit ein Mörtel angemischt werden. Im Regelfall sind das Mischungsverhältnisse etwa ein Teil Kalk, drei bis fünf Teile Sand, das sind so die üblichen Mischungen. Die Römer haben aber auf dieser Grundkalkbasis eine sehr leistungsfähige Masse entwickelt, das sogenannte Opus Caementitium. Da kamen zu diesem Kalk, welcher ja durch CO2-Aufnahme aushärtigt, also erkarbonatisiert, kamen noch hydraulische Komponenten dazu. Das waren einerseits Ziegelabfälle, die zu Ziegelmehl zerstoßen wurden, die dann sogenannte künstliche Puzzolane darstellen und natürliche Puzzolane, das waren vulkanische Aschen und Schlacken, sodass diese Masse auch noch durch Wasseraufnahme, durch Hydratation aushärtete. Da gibt es ganz spezielle Rezepte, die auch heute immer noch beforscht werden. Da war zum Teil auch ungelöschter Kalk dabei und dieses Opus Caementitium der Römer ist ein so leistungsfähiger Baustoff, dass er heute, 2000 Jahre später, immer noch in einem guten Erhaltungszustand anzutreffen ist. Aber diese Technik des römischen Opus Caementitium war im Mittelalter in der Romanik beim Beinhaus in Hallstatt nicht mehr vorhanden. Und so wurden diese romanischen Gussgewölbe in einer reinen Kalktechnik ausgeführt.
Natürlich dauert dieser Prozess der Karbonatisierung wesentlich länger als jener der zuvor beschriebenen Aushärtung mit hydraulischen Bindemitteln. Also bei unseren modernen Portlandzementen, aber auch beim römischen Opus Caementitium. Das heißt, diese kalkgebundenen Gussgewölbe mussten oft sehr lange Zeit, zumindest ein Jahr eingeschaltet bleiben, bis dass der Kalkmörtel durch Karbonatisierung die erforderliche Härte und Festigkeit erreicht hatten.
Dieses Gefüge aus dem kleinen Bruchsteinmaterial mit den Kalkmörtelfugen ist aber eine sehr interessante Materialkombination, weil einerseits der Stein, besonders wenn es sich um einen dichten Kalkstein, wie man im Dialekt sagt, um einen sogenannten „Palfen“ handelt, der ist äußerst druckfest, während der Kalkmörtel auch nach langer Aushärtungszeit im Vergleich zu Beton immer noch sehr weich ist, und letztlich auch noch gut formen, weil man spricht da von der sogenannten Duktilität, also das heißt mit welcher Kraftwirkung welche Verformbarkeit stattfindet. Und da gibt es aus dem 19. Jahrhundert einen sehr interessanten Befund und zwar hat im 19. Jahrhundert der berühmte Hallstädter Bergmeister Ramsauer, der ja auch als der Entdecker des Gräberfelds gilt, Versuche mit Grubenmauerungen ausgeführt. Da ging es darum, druckhafte Strecken im Salzbergwerk auszumauern und da hat man zwei verschiedene Verfahren angewandt. Das ist auch in einem Plan, der im Wiener Finanz- und Hofkammerarchiv liegt, sehr gut dokumentiert. Das eine Verfahren war, sehr hochwertiges Steinmaterial, also hochdichten Dachsteinkalk, diese schon genannten „Palfen“ ganz exakt auf Werksteine zuzuarbeiten, die wirklich rein von der Geometrie her dann Trapezoide waren, also auf einem Trapezgrundriss entwickelt sich dann ein räumliches Gebilde, die eben genau der Gewölbeform entsprachen, der Gewölbeform der Grubenausmauerung, dass quasi die Fugen wie bei einem Gewölbe zu einem Mittelpunkt hin zielen, und mit diesem hochwertigen und genau steinmetzmäßig bearbeiteten Material wurden dann diese druckhaften Stellen ausgemauert und die Alternative war eine ganz ähnliche Masse, wie ich es beim Gussgewölbe des Beinhauses beschrieben habe. Dort wurde relativ kleines Bruchsteinmauerwerk mit Kalkmörtel vermauert und in der Langzeitbeobachtung hat sich ein sehr interessanter Befund ergeben. Dort, wo ein sehr hoher Gebirgsdruck herrschte, wurden diese präzise geformten, hochwertigen Werksteine trotzdem so stark druckbelastet, dass sie zum Teil zerbarsten und absplitterten. Im Gegensatz dazu, die duktile Kalkmatrix dieses Bruchsteinmauerwerks, dieser eher amorphen Masse, die nahm der unterschiedlichen Druckspannungen sehr gut auf, lagerte sie um, und in diesen Strecken, die eigentlich viel weniger aufwendig, aber mit einer duktileren Struktur ausgebaut waren, gab es viel weniger Schäden. Diese Erkenntnis wird auch im modernen Tunnelbau angewandt, wenn Sie durch Straßentunnel fahren, welche wie zum Beispiel der Geißwandtunnel im Bereich zwischen Ebensee und Traunkirchen auch ein sehr druckhaftes Gebirge vorhanden ist. Da wird zwar innen eine sehr dichte, harte Stahlbetonschale hergestellt, aber der Zwischenraum zwischen Stahlbetonschale und der ausgebrochenen Felswand, der wird mit einer sehr duktilen Masse, manchmal sogar mit einem sogenannten Styroporbeton ausgefüllt. Da werden Styroporkügelchen mit Zement gebunden. Das ist eine sehr weiche, duktile Masse und durch diese Vorgangsweise lastet der Gebirgsdruck dann nicht explizit an einigen Stellen des Gewölbes, sondern der verteilt sich dann über die Gewölbeschale und die Konstruktion ist wesentlich dauerhaft. Also für mich ist das das Bild auch des starken alten Baumes, den dann vielleicht der Sturm entwurzelt und im Gegensatz dazu der junge, schlanke, elastische Baumstamm, der sich im Wind biegt und nach dem Sturm wieder aufrecht dasteht. Dass oft nicht der harte Weg der zielführende und langfristig erfolgreich ist, sondern der weichere Weg, der Weg des Nachgebens.
Dieses Verwenden von Bruchmaterial in Fundamentmauerwerk habe ich noch kennengelernt, als ich da rangegangen bin, bei unserem Haus am oberen Weg die Steinmauer zu errichten. Da habe ich ja das Steinmauern von einem sehr erfahrenen Arbeiter, pensionierten Arbeiter der Wildbach- und Lawinenverbauung, dem Moser Roman, gelernt. Der hat mir das gezeigt und der hat mir auch bei Fundamenten und Hinterfüllungen immer gesagt, nicht nur den reinen Beton hineingeben, sondern eben hier möglichst viel Bruchsteine zu verarbeiten. Also in einer ganz ähnlichen Technik wie bei diesen Gussgewölben Material zu sparen, nicht so viel Beton zu brauchen, nicht so viel Zement zu brauchen, so viel Steine wie möglich einlegen. Natürlich wird einerseits das Gefüge unregelmäßiger, aber durch den Anteil der großen Steine wird das Schwundmaß geringer und möglicherweise entsteht auch auf lange Sicht betrachtet, eine duktilere, nachgiebigere, aber dauerhaftere Struktur, als wie wenn es reiner Beton wäre.