Hallstätter Madonna
Zwischen den 1380er und 1420er Jahren entsteht der Typus der „schönen Madonna“ in einem engen europäischen Zeitfenster. Prag und Salzburg bilden die Zentren, von denen die Form weiterwandert. Im Salzkammergut steht eine verwandte Figur in der Pfarrkirche von Bad Aussee, mitten im Gefüge eines Rokoko-Seitenaltars. Die Hallstätter Madonna gehört in dieselbe Gruppe. Der Habitus folgt dem Kontrapost, den die griechische Klassik gegen die starre Symmetrie der archaischen Plastik gesetzt hatte. Ein Bein trägt die Last, das Standbein, während das andere entlastet bleibt, das Spielbein. Das Becken sinkt auf der entlasteten Seite ab. Damit der Körper nicht kippt, setzt die Wirbelsäule ab dem Brustbereich eine Gegenbewegung, und der Kopf neigt sich wieder zum Spielbein. So zeichnet sich in der Frontalansicht ein S-Schwung, den der weiche Stil sehr weit treibt. Das Jesuskind auf dem Arm verschiebt das Gewicht noch einmal. Die Ruhe kommt nicht aus der Symmetrie, sondern aus der Ponderation, also aus der gleichmäßigen Verlagerung der Lasten. Die Figuren bleiben etwa halblebensgroß und sind farbig gefasst, in Rot, Blau und leichter Vergoldung am Saum. Nach rund 600 Jahren hat die UV-Strahlung diese Leuchtkraft gemindert. Das Gewand liegt in Muldenfalten, Schüsselfalten und Röhrenfalten. Durch die textile Oberfläche bleibt der Körper spürbar, das Kind dagegen ist unbekleidet. Gesicht, Hände und der Körper des Kindes tragen ein mildes Inkarnat. Die Stirn der Madonna ist hoch, die Nase schmal, der Mund klein. Somit wird die Skulptur zum Andachtsbild, in dem die Mütterlichkeit den Bezug zur Madonna trägt. Die Hallstätter Madonna ist aus Gussstein gearbeitet, nicht aus dem Stein der Prager Werkstätten. Dort stand Opuka zur Verfügung, ein feiner poröser verkieselter Kalk, der sich sehr genau behauen ließ. Im Salzburger Raum fehlte dieses Material. Der Transport wäre zu aufwendig gewesen, und so entstand statt eines Imports ein künstlicher Block. Beim Steinguss wird die Figur zuerst in Ton aufgebaut, abgeformt und in der Negativform ausgegossen. Das Ergebnis ist eine Plastik, weil die Form additiv entsteht. Der Gussstein folgt dem anderen Weg. Ein Block erhält bereits ungefähr die Gestalt der Figur. Aus diesem Block wird die Skulptur herausgemeißelt, wie aus gewachsenem Stein. Werkzeugspuren liegen noch auf der Oberfläche und lassen die Arbeitstechnik erkennen. Das Bindemittel ist Hochbrandgips nach dem Opus Thiemonis, dem Rezept des Benediktiners Thiemo. Er war um das Jahr 1000 Abt von St. Peter und auch in Admont tätig. Gewöhnlicher Gips ist niedrig gebrannt und zieht Feuchtigkeit. Hochbrandgips, ein Anhydrit, entsteht bei etwa 900 Grad Celsius, mitunter heißer als der Brand des Kalks. Verputze aus diesem Material haben an mittelalterlichen Kirchen die Jahrhunderte überdauert. Hieraus ergibt sich ein Werkstoff, der dem Stein näher steht als einem billigen Abguss. In Hallstatt galt die Figur dennoch als minderwertige Gipsreplik und wurde in den 1920er Jahren nach Prag verkauft, wo sie nun in der Nationalgalerie zu bewundern ist.
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