Welterbe Hallstatt

Welterbe Hallstatt

Kulturelles Erbe im Salzkammergut

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In der Nationalgalerie in Prag befindet sich eine Madonnenskulptur, welche als die Hallstätter Madonna bezeichnet wird. Diese Bezeichnung weist natürlich auf ihre Herkunft, auf ihre Provenienz. Dieses Madonnenstandbild stammt aus Hallstatt und kam in den 1920er Jahren von Hallstatt nach Prag.

Die Madonna zählt zu der Gruppe der sogenannten schönen Madonnen und ist knapp nach 1400 entstanden. Diese Stilperiode, der diese schönen Madonnen zugeordnet werden, gilt als eine internationale Stilperiode, international damals natürlich im Sinne von europäischer Internationale. Man findet in diesem sogenannten sanften Stil, der in einem sehr kleinen Zeitfenster etwa von den 1380er bis 1420er Jahren entstanden ist, man findet diesen Madonnentypus sowohl im Prag-Tschechischen Raum als auch im Salzburgischen Raum oder mit diesen beiden Entstehungszentren und dann entsprechenden Verbreitungen. Diese Madonnen sind vom Material her aus unterschiedlichen Materialien. Es sind noch sehr viele erhalten. Sie sind einerseits aus Holz, andererseits aus Stein, aber auch aus Gussstein.

Im Salzkammergut findet sich noch eine sehr ähnliche Madonnendarstellung in Bad Aussee, in der Pfarrkirche. Insofern stilistisch auch sehr interessant, die steht im Zentrum eines Seitenaltars. Der Seitenaltar ist Rokoko und in diesem Rokoko-Gefüge steht diese spätgotische Madonnen. Vielleicht, dass man sich es vorstellen kann, typisch für diese spätgotischen Madonnen ist ihr sehr, sehr starker S-Schwung im Habitus. Das heißt, dieser S-Schwung in der Skulptur rührt von der sogenannten Spielbein-Standbeinstellung, vom Kontrapost.

Das ist eine Körperhaltung, die man bis auf die griechisch-antike Klassik zurückführen kann. Zuvor in der archaischen Plastik, da waren die Figuren symmetrisch gerade stehend und in der Klassik beginnt man dann in die Skulptur Schwung hineinzubringen. Und die entsteht dadurch, so wie man, wenn man natürlich steht im Regelfall, ein Bein stark belastet, das ist das sogenannte Standbein, und das andere Bein entlastet, das ist das sogenannte Spielbein. Durch diese ungleiche Belastung kommt das Becken in eine Schräglage, das heißt im Bereich des Spielbeins dort, wo das Becken nicht so stark belastet ist, sinkt es ab.

Dementsprechend macht aber auch die Wirbelsäule eine Bewegung mit, damit aber dann der Körper nicht nach der Richtung des Spielbeins kippt, macht die Wirbelsäule etwa ab dem Brustwirbelbereich eine Gegenbewegung, sodass hier wieder ein Gleichgewicht entsteht und im Bereich der Halswirbelsäule findet die nächste Bewegung statt. Da wird dann der Kopf wieder in Richtung des Spielbeins geneigt und dadurch entsteht dieser S-Schwung der Wirbelsäule in der Frontalansicht. Und in dieser spätgotischen Zeit, in diesem weichen Stil, im Stil der Madonnen, wird diese S-Haltung sehr, sehr extrem dargestellt. Es kommt noch dazu, dass diese Madonnen immer das Jesuskind halten und natürlich auch das Gewicht des Jesuskinds wieder mitspielt. Das heißt, diese Madonnen sind ein sehr typisches Beispiel für Ausgewogenheit, für Ponderation und nicht für Symmetrie. Die Ruhe in dieser Darstellung kommt eben daher, dass die Gewichte letztlich gleichmäßig verlagert sind und dadurch ein Ruhen zustande kommt, obwohl sie die Plastik oder besser gesagt die Skulptur, weil sie ist ja aus dem Material herausgearbeitet, trotz der Bewegung oder in der Bewegung trotzdem einen ruhigen, ausgewogenen Eindruck macht. Von der Größe her sind diese Madonnentypen, diese schönen Madonnen etwa halblebensgroß, also bis 1,20-Bereich etwa und sie sind farbig gefasst. Das sind Rottöne, Blautöne, ganz leichte Vergoldungen, manchmal am Saum der Gewänder.

Diese Fassung ist heute nach 550 Jahren natürlich nicht mehr in dieser Intensität, wie sie ursprünglich war, vorhanden. Da hat die UV-Strahlung natürlich bewirkt, dass diese Fassung an Leuchtkraft verliert. Und typisch auch ist dieser wirklich dramatische Faltenwurf. Also die Madonna ist bekleidet, das Gewand, der Mantel in sehr extreme Falten gelegt. Da gibt es die verschiedensten Falten von den Muldenfalten bzw. Schüsselfalten bis hin zu Röhrenfalten. Und die Kunst der Bildhauer damals bestand natürlich auch darin, obwohl im Vordergrund eigentlich nur textile Falten sind, spürt man durch diese textile Oberfläche dennoch den Körper. Aber durch das Jesuskind ist im Gegensatz immer unbekleidet.

Also auch hier wieder ein Spannungsverhältnis entsteht und das waren Andachtsbilder. Also das waren Bilder, wo man einen Bezug zur Mütterlichkeit herstellen konnte und die Gläubigen hier zur göttlichen Madonna einen Bezug, eine Identifikation über die Mütterlichkeit finden konnten. Das Gesicht dieser Madonnen ist meistens mit einer sehr hohen Stirn dargestellt, schmale Nase, kleiner Mund. Und die Hautteile, also das Gesicht, die Hände der Madonna, der gesamte Körper des Jesuskindes, sind mit einem sogenannten Inkarnat gefasst, also Inkarnat.

Wörtlich übersetzt wäre es die Fleischfarbe. Ich kann mich noch an meine Jolly-Kinderstift erinnern. Da gab es einen, so ein Schweinchenrosa, das hieß Fleischfarbe. Das hat mich damals, als ich lesen lernte, immer fasziniert, warum das Fleischfarbe heißt. Aber das ist eine Übersetzung des Inkarnats. Natürlich bei diesen Skulpturen ist dieser Farbton viel sanfter, viel milder, viel natürlicher. Die Hallstätter Madonna ist aus einem sogenannten Gussstein hergestellt. Und die Ursache ist darin zu finden, der ursprüngliche Entstehungsort dieser schönen Madonnen Prag, dort stand ein sehr hochwertiger Stein, sogenannte Opuka, zur Verfügung. Das war ein ganz feiner, poröser, verkieselter Kalk, mit dem man sehr gut und sehr fein bildhauen konnte. Und dieser Stein stand im Salzburger Raum nicht zur Verfügung. Es war aber damals der Transport von Steinen so aufwendig, dass man nicht diesen speziellen hochwertigen böhmischen Stein nach Salzburg importiert hat, sondern man hat hier einen Gussstein hergestellt.

Der Unterschied zwischen Steinguss und Gussstein ist der, dass beim Steinguss eine Form hergestellt wird, die letztlich schon ziemlich genau jener der gewünschten Plastik entspricht. Das geschieht zum Beispiel, man modelliert die Skulptur im Ton, formt die dann ab, stellt eine Negativform her und gießt dann diese Negativform mit einer Gussmasse. Heute sind das meistens zementgebundene Sande. Aus und so entsteht Steinguss, die in dem Fall ist es die Plastik, weil sie ja nicht in einem Abbauverfahren, in einem subtraktiven Verfahren hergestellt wurde, weil sie additiv mit Ton aufgebaut und dann abgeformt wurde.

Beim Steinguss hingegen, ja bei diesen schönen Madonnen Salzburger Provenienz, durchgeführt wurde, da wurde ein Block etwa schon in Form und Gestalt der zu schaffenden Skulptur hergestellt. Und dann wurde aus diesem künstlich hergestellten Material die Skulptur genauso herausgemeißelt, wie man sie aus einem Stein herausmeißeln würde. Das ist der entscheidende Unterschied und das kann man auch heute noch sehr genau feststellen, weil man an dieser Skulptur noch Werkzeugspuren feststellen kann und aufgrund der Werkzeugspuren sehr genau auf die Herstellungsweise und Arbeitstechnik rückschließen kann.

Die Gussmasse ist sehr interessant, da gibt es im Salzburg-Raum eine sehr lange alte Tradition, da gab es bereits um das Jahr 1000 den Benediktiner, das war Mönch, später Abt Thiemo, er war um das Jahr 1000 Abt vom Kloster St. Peter, er war dann auch in Admont tätig, also ein sehr bedeutender Benediktiner an der Zeitenwende vom ersten Jahrtausend. Und von diesem Thiemo gibt es auch ein Rezept, wie so ein Gussstein hergestellt wird. Und dieses Rezept heißt eben das Opus Thiemonis. Und das ist ein Hochbrandgips.

Da denke ich, ist es schon sehr interessant, Gips hat ja oft den Beigeschmack des Minderwertigen. Wenn man zum Beispiel eine Elektroinstallation durchführt und dann die Elektrodosen eingipst, so ist dieser Elektriker-Gips ein niedrig gebrannter Gips mit Halbhydrat, das keine besondere Qualität besitzt, das die Feuchtigkeit anzieht, also kein toller Werkstoff. Und so denke ich, hat Gips einen negativen Beigeschmack. Ganz im Gegensatz steht aber dieser sogenannte Hochbrandgips. Das sind Gips-Sorten, also Gips ist ja das Ausgangsmaterial für Gips, ist Calciumsulfat, also CaSO4, das dann gebrannt wird. Und ähnlich wie beim Kalk, wenn man damit verschiedenen hohen Brenntemperaturen brennen kann, kann man auch den Gips entsprechend niedrig oder hoch brennen. Und beim Hochbrandgips, da sind wir in Brandbereichen von etwa 900 Grad Celsius, das ist teilweise schon höher als der Kalk gebrannt wird. Und diese Hochbrandgipse, sogenannte Anhydrite, die haben besondere technische Eigenschaften und sind sehr lange haltbar. Es gibt vor allen Dingen in Deutschland bei mittelalterlichen Kirchen Gipsverputze aus Hochbrandgips, welche wirklich die Jahrhunderte unbeschadet überdauert haben und auch heute noch in einem hervorragenden Zustand sind. Und aus einem solchen Hochbrandgips als Bindemittel wurden diese Gusssteine für die schönen Madonnen hergestellt.

Interessant ist natürlich die Provenienz, wie ist diese Hallstätter Madonna nach Prag gekommen. Und das rührte in die Zeit dieses Konflikts zwischen der Tschechoslowakei und Österreich nach dem Ersten Weltkrieg. Das waren beide Nachfolgestaaten der Donaumonarchie. Da gab es große Konflikte, nicht nur in der Kohleversorgung, sondern auch Konflikte bei den Kunstgütern. Und eine der bedeutendsten dieser schönen Madonnen, die sogenannte Krumauer Madonna, also auch hier wieder die Verbindung Krummau, auch ein Welterbeort. Die Krumauer Madonna, die steht heute immer noch im Kunsthistorischen Museum in Wien. Und der junge, selbstbewusste tschechische Staat wollte natürlich auch eine solche Madonna besitzen und hat dann quasi im Gegenzug, hat das Ministerium, das tschechische Ministerium für Volksbildung und Schulwesen, diese Madonna in Hallstatt erworben in den 1920er Jahren und quasi ein österreichisches Stück dann nach Tschechien gebracht, das hier ein gewisser Ausgleich geschaffen wurde. Ich habe relativ aufwendig zu recherchieren versucht, wie das genau geschehen hat, aber ich habe eigentlich sehr, sehr wenig gefunden. Ich habe nur einen Kaufpreis von 350.000 Kronen erwähnt gefunden. Aber wie wirklich dieser Verkauf stattgefunden hat, warum ein so wertvolles, schönes Stück in den 1920er Jahren von Hallstatt an das tschechische Ministerium. Eine Quelle weist auf einen Wiener Antiquitätenhändler als Zwischenhändler zurück. Es heißt halt auch, in Hallstatt glaubte man, es sei ein minderwertiger Gipsabguss, also ein billiger Gips, eine Replik, ein Steinguss und sei gar nicht original. Vielleicht, wenn jemand von meinen Hörerinnen oder Hörern da etwas drüber weiß.

Wo stand diese Hallstätter Madonna ursprünglich in Hallstatt, wo war sie aufgestellt, warum wurde sie verkauft, wer hat sie verkauft. Also da wäre ich wirklich sehr, sehr neugierig und würde mich wirklich über ihre Zuschriften freuen. Ich hatte im Jahr 2019 die Möglichkeit, diese Hallstätter Madonna im Original zu sehen. Und zwar fand da im Gotik- und Bergbaumuseum in Leogang, im Pinzgau, eine Ausstellung dieser schönen Madonnen statt, und da wurden wirklich europaweit die besten dieser schönen Madonnen in einer gemeinsamen Ausstellung präsentiert, und ich war wirklich von der Qualität dieser Madonna tief beeindruckt, sie ist ja auch am Cover dieser Podcast-Episode zu sehen und ich kann Ihnen wirklich dieses Bergbau- und Gotik-Museum in Leogang wirklich ans Herz legen, ich habe es auch heuer im Jahr 2026 wieder besichtigt. Die Sammlung gotischer Möbel, gotischer Skulpturen, gotischer Kunst ist absolut hochwertig und braucht den Vergleich mit großen nationalen Sammlungen überhaupt nicht zu scheuen. Und ich finde es wirklich beeindruckend, dass es hier, und das ist vor allem der Herr Professor Mayrhofer, der Kustos dieses Museums, der da mit jahrelanger Energie daran gearbeitet hat und ganz ganz tolle Stücke. Zum Beispiel gibt es auch die Sammlung Leopold mit gotischen Objekten, die meisten kennen die Sammlung Leopold als die Sammlung, in der in Wien das Leopold Museum mit dem Museumsquartier bestückt ist. Also die Sammlungen Kokoschka, Klimt, Schiele, aber der Sammler-Ehepaar Leopold haben auch sehr intensiv Gotik gesammelt und diese gesamte Gotik-Sammlung Leopold, die ist dauerhaft in Leogang zu besichtigen. Also es lohnt sich wirklich einmal ein Ausflug in den Pinzgau und sich dort dieses wirklich großartige Museum anzusehen.

Über diesen Podcast

Das Welterbegebiet Hallstatt-Dachstein/Salzkammergut ist eine einzigartige Kulturlandschaft mit einem reichen kulturellen Erbe. Mein Name ist Friedrich Idam und ich stelle ihnen in jeder Episode eine neuen Aspekt unseres Welterbes vor. Dieser Podcast wird von Welterbe - Management Hallstatt unterstützt.

Ab Folge 153 ist für jede Episode ein redaktionell bearbeitetes Transskript hochgeladen.

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von und mit Friedrich Idam, Gestaltung: Reinhard Pilz

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